In der letzten Sitzung des Ausschusses für Umwelt, Klima, Bau- und Verkehrswesen vor der Sommerpause haben wir über das kommunale Klimaanpassungskonzept beraten. Dabei stellte ein Mitglied der WIR-Fraktion sinngemäß die Frage, warum das Konzept nicht angepasst worden sei, da der Weltklimarat sein bisheriges Worst-Case-Szenario nach unten korrigiert habe.
Ich muss zugeben: Diese Frage hat mich überrascht. Von einer solchen Änderung des Weltklimarat hatte ich bislang nichts gehört und konnte sie mir auch nicht vorstellen. Deshalb habe ich nach der Sitzung recherchiert.
Dabei bin ich auf etwas Interessantes gestoßen. Tatsächlich gibt es neue wissenschaftliche Veröffentlichungen, die zu dem Ergebnis kommen, dass das frühere Extrem-Emissionsszenario mit einer möglichen Erwärmung von bis zu 4,8 Grad bis zum Jahr 2100 heute deutlich weniger wahrscheinlich ist. Der Grund dafür ist eine gute Nachricht: Der weltweite Ausbau erneuerbarer Energien, technische Fortschritte und bereits umgesetzte Klimaschutzmaßnahmen zeigen Wirkung.
Genau diese positive Entwicklung wird jedoch häufig missverstanden. In sozialen Medien, aber auch in politischen Debatten wird daraus manchmal die Behauptung abgeleitet, der Weltklimarat habe seine Warnungen zurückgenommen oder die Klimakrise sei doch nicht so gravierend wie gedacht. Das stimmt so nicht.
Der Weltklimarat hat seine bisherigen Erkenntnisse nicht widerrufen. Vielmehr bewerten viele Klimaforschende das extremste Emissionsszenario heute als weniger wahrscheinlich als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig gehen sie davon aus, dass die Erde bei der derzeitigen Klimapolitik immer noch auf eine Erwärmung von rund 2,7 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zusteuert.
Das ist zwar deutlich weniger als 4,8 Grad – aber es ist trotzdem keine gute Zukunft. Schon heute, bei einer globalen Erwärmung von rund 1,4 Grad, erleben wir die Folgen des Klimawandels deutlich. Der diesjährige Sommer macht das eindrucksvoll sichtbar: Verheerende Waldbrände in Südeuropa, lang anhaltende Trockenheit in weiten Teilen Europas und auch in Südhessen sowie gleichzeitig immer häufiger auftretende Starkregenereignisse zeigen, dass die Folgen des Klimawandels längst Realität sind. Für Kommunen wie Roßdorf bedeutet das: Klimaanpassung ist keine Vorsorge für eine ferne Zukunft, sondern eine Aufgabe der Gegenwart.
Gerade deshalb wäre es fatal, aus dieser positiven Entwicklung den Schluss zu ziehen, jetzt weniger für den Klimaschutz tun zu müssen. Das wäre, als würde man mitten in einer erfolgreichen Behandlung die Medikamente absetzen, weil der Patient erste Fortschritte zeigt. Die gute Nachricht lautet nicht, dass wir langsamer werden können. Die gute Nachricht lautet: Klimaschutz wirkt.
Diese Debatte zeigt für mich vor allem eines: Wissenschaft entwickelt sich weiter. Das ist ihre Stärke – vorausgesetzt, neue Erkenntnisse werden sorgfältig geprüft und richtig eingeordnet. Vor allem zeigt sie, dass Zeit beim Klimaschutz der entscheidende Faktor ist. Jedes vermiedene Zehntelgrad Erwärmung reduziert die Risiken für Mensch, Natur und Infrastruktur. Jeder Schritt, den wir heute gehen, erspart künftigen Generationen erhebliche Schäden und hohe Kosten. Wer aus der geringeren Wahrscheinlichkeit des schlimmsten Szenarios ableitet, jetzt weniger zu tun, verspielt die Chance, unseren Kindern und Enkeln eine lebenswerte Zukunft zu hinterlassen.
Für uns Grüne ist deshalb klar: Klimaschutz und Klimaanpassung gehören untrennbar zusammen. Das eine kann das andere nicht ersetzen. Roßdorf muss sich so schnell wie möglich auf die Folgen vorbereiten, die bereits heute spürbar sind, und gleichzeitig seinen Beitrag dazu leisten, dass aus den erwarteten 2,7 Grad nicht noch mehr werden. Jetzt ist nicht die Zeit, nachzulassen – jetzt ist die Zeit, konsequent und schnell zu handeln.
Daniela Dalpke
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